Das Erbe der Flussgeister - Prolog

 

Kapitel 1: Klopapierballkleid

Anne Linscheid

 

Alles fließt zäher heute, läuft durch die kargen Wiesen, die mein kaltes Bett umrahmen. Der Stahl meiner Brücken hat sich aufgeheizt und liegt nun gleißend da.

Sie sind mir zur Qual geworden, die wolkenlosen Sommertage.

Noch einmal versuche ich, das Blau des Himmels zu reflektieren. Scheitere. Erfolglos.

Ich habe mich noch nicht ganz damit abgefunden, glanzlos zu sein. Erwarte noch immer die lachenden Kinder, die mal an meinen Ufern spielten.

Nur langsam schwindet mein vermessener Stolz, der damals doch so richtig schien.

Es ist lange her, dass ich ein Fluss war. Die idyllische Berne, die das Wasser der klaren Emscher zuführte. Bilder der Vergangenheit.

Die Menschen kamen und ihre Visionen mit ihnen.

Wie hätte ich denn wissen können, dass gerade ich den Preis für ihre Träume zahlen würde?

Ich floss nur vor mich hin und staunte.

Staunte, als sie die Erde aufbrachen.

Staunte, als sie den Himmel verdunkelten.

Staunte, als sie ihre Werkzeuge brachten.

Der Schmerz kam mit den Maßnahmen. Ich wurde begradigt, erhöht, vertieft, ich wurde ganz entfremdet. Und schließlich in Beton gefasst.

Mein Bett wurde zur Fessel, ich wurde zum Abbild des Vergangenen.

Heute bin ich ein Kanal und träume von der Wiederkehr.

Wenn heute jemand zu mir kommt, sieht er die Kehrseite der Zivilisation.

In mir ist all der Abfall, der übrig bleibt, wenn das Gute vom Ursprünglichen getrennt und verlebt wird.

Wenn heute jemand kommt, so sieht er eine Kloake. Braun gefärbt von Dreck und Scheiße. Die Ophelia der Gewässer in ihrem Klopapierballkleid.

Und an so ganz und gar wolkenlosen Tagen wie heute, wenn die Hitze das Wasser der Erde entwendet, trockne ich halb aus und verbreite den Gestank des weltlichen Elends.

Dann denke ich zurück an meine Zeit als Fluss.

Und träume von der Wiederkehr

 

Kapitel 2: Emscherfee Lucy

Corina Redemann

 

„Ach herrje, herrjemine,

was ist hier bloß geschehen?

So schrecklich, scheußlich dieser Ort,

trau mich kaum noch hinzusehen.

Einst war’s so friedlich, schön und klar,

doch jetzt ist nichts mehr, wie es war.

Nur die Hoffnung ist mir geblieben

Irgendwann,

glaub nicht mehr lang,

wird’ ich den Fluss wieder von Herzen lieben.“

Worte, die der verzweifelten Emscherfee Lucy über die Lippen kommen, als sie der Berne traurig und entsetzt nachschaut.

„Hoffnung?“, ertönt es laut aus dem Nichts, „hoffen können wir schon lange nicht mehr.“ Gabriel, ein Elf der Emscher und Lucys Freund taucht plötzlich auf.

„Gabriel, bist du mir gefolgt?“

„Nur dem Klang deiner Stimme,

Lucy, oh, Lucy, du kannst es nicht lassen,

s wird langsam Zeit, dir ein Herz zu fassen.

Au revoir zu sagen,

nicht mehr zu klagen,

nicht mehr zu denken,

und sich den wichtigen Dingen zuzuwenden.“

„Was gibt es wichtigeres, mein Freund, als unser Zuhause?

Dieser Ort ist unser Heim,

Verschmutzung darf nicht länger sein,

hast du denn schon jetzt vergessen,

wie wir damals hier gesessen,

so glücklich, sorglos, alle lachten,

so viel Zeit wir hier verbrachten.“

„Vergessen? Nein, das kann ich nicht,

wie die Berne reflektierte das erhellende Licht,

und wie sich deine bezaubernden Flügel im Wasser spiegelten,

und wie wir für immer unsere Freundschaft besiegelten.“

 

Kapitel 3: Lukas

Jana Wiebke Brinken und Jakob Krische

 

„Was machst du denn noch hier? Verschwinde endlich!“ Der Wirt steht mit hochrotem Kopf vor mir.

Ich blicke ihn grinsend an: „Ich trenn’ den Müll, sieht man das nicht?“

Der Wirt schüttelt den Kopf und geht. Beim Aufstehen schwanke ich, mein Kopf dröhnt, neben mir steht eine überfüllte Mülltonne. Mein Bett in der letzten Nacht. Meine Klamotten sind verdreckt und ich stinke nach Schweiß und Bier. Eine gelungene Partynacht. Nach dem Auftritt meiner Band in der Kneipe bin ich noch geblieben. Wie ich im Müll landete? Pff, das weiß ich selber nicht mehr so genau. Eigentlich wollte ich ja nur eine rauchen, aber  da der Alkohol sich leider bei meinen motorischen Fähigkeiten bemerkbar machte ,sank ich zu Boden. Bin wohl eingeschlafen. Kann passieren. Ist ja nicht das erste Mal.

Orientierungslos stolpere ich aus dem Hinterhof. Der Versuch, meine Gedanken zu ordnen, scheitert an einer Laterne, gegen die ich laufe. Irgendwie schaffe ich es zur Bahnstation. Sonntagmorgen kurz vor neun. Familien sind auf dem Weg zu Ausflügen.

Kaum stehe ich in der Bahn, ruft jemand meinen Namen. Das Gesicht kenne ich irgendwoher. „Lukas! Lange nicht mehr gesehen. Erinnerst du dich an deinen alten Kumpel Jakob?“

Er grinst mich an. Es macht Klick. Jacob Bräuer aus meiner Grundschulklasse. Wir waren beste Freunde, erst als es auf die weiterführende Schule ging, verloren wir uns aus den Augen. 

„Natürlich erinnere ich mich an dich! Wie geht’s dir denn? Was treibst du so? Wie läuft es mit den Frauen?“ Ich grinse ihn verschmitzt an. Er war früher schon immer schüchtern, hatte wenig Freunde und interessierte sich mehr für die Schule, auch wenn er nicht immer der Beste war. Mein Gegenteil.

„Du, Zeit für Frauen gibt es bei mir leider wenig. Ich studiere hier in Essen Medizin. Studierst du auch oder hast du einen ordentlichen Job?“

Einen ordentlichen Job? Hauptsache, man hat einen Job! Jeder Job ist ordentlich … oder? 

„Festlegen will ich mich noch gar nicht. Bin ja noch jung. Ich will Spaß und feiern!“, antworte ich ihm schon fast patzig, weil er mich eben auf eine gewisse Weise schon gekränkt hat.

Jakob schaut mich von oben bis unten an. Arrogant und abwertend. Er grinst und fragt: „Woher hast du eigentlich das blaue Auge?“

Erstaunen in meinem Gesicht. Ich weiß es nicht. Vielleicht war es doch zu viel Alkohol.

Jakob sieht mir an, dass ich es nicht weiß, verabschiedet sich mit einem Lachen und steigt aus der Bahn. 

Medizin. Er studiert und ich hänge rum und mache nichts. Früher war ich deutlich besser in der Schule als er. Und jetzt? Wie sich Menschen doch verändern.

Mittlerweile laufe ich den Rest des Weges an der Emscher vorbei. Früher bin ich hier viel mit dem Fahrrad lang gefahren. Die Emscher hat sich genauso verändert wie die Menschen. Oder eher gesagt: wie ich. Antriebslosigkeit drückt sie aus, als hätte sie keine Kraft mehr und keine Ahnung mehr, was man machen kann, was man verändern kann. Früher, vor der Industrialisierung, sah sie auch nicht so dreckig aus, irgendwie ungepflegt. Ich kicke einen Stein vor mir her und denke darüber nach, ob ich wirklich sein will. Mich mit verschiedenen Mini-Jobs über Wasser halten.

Wut steigt in mir auf. Wut auf mich selber, dass ich mich so hängen lasse. 

Aber was soll ich groß machen? 

Meine beste Freundin Nikki ist da ganz anders. Sie weiß genau was sie will. 

Wir wohnen zusammen in einer Wohngemeinschaft. Sie ist die hübscheste und interessanteste Person, die ich kenne. Wir sind immer füreinander da, sie wird mir bestimmt einen guten Rat geben. Hoffe ich zumindest, da ich in letzter Zeit nicht grade der beste Freund war, da ich nur feiern war. Ich hoffe, sie ist gleich Zuhause und nicht in…

Oh shit! Über die ganze Grübelei ist mir ganz entfallen, dass wir sonntags eigentlich immer zusammen frühstücken. Ich gehe schnell, werde immer schneller und renne schon fast. Entgegen des Stroms der Emscher.

Es passt zu meinem Leben. Entgegen des Stroms und auf verschiedene Schwierigkeiten treffen. Man kann aber immer etwas in seinem Leben ändern. 

Kurz bevor ich abbiegen muss sehe ich, dass an der Emscher gebaut wird oder eher umgebaut. Ist das ein Zeichen für mich, mich zu ändern? 

 

Kapitel 4: Bernefee Amalia

Maurice Wencek

 

Die Bernefee Amalia dichtet und sing ihr eignes Lied:

„Ich will leben! Ich will leben in meiner Traumwelt!

So, wie sie mir gefällt!

Am besten ohne Sorgen und ohne Geld. 

Ich bin ‚ne Fee, die keine Angst hat vor dem Tod.

Ich gehe durch einen goldenen Meeresspiegel. 

Und verwandele mich in einen Stein.“

Amalia denkt sich: Was ist denn nur mit mir los? Und wo bin ich?

 

Kapitel 5: Emil Heinrich Pottgießer.

Joshua Rameker und Kaja Lehnhoff

 

Im Jahre1835

Meine Lunge brennt ... ich habe kaum noch Kraft ... ich muss durchhalten! Sie jagen mich ... aber wer sind diese Leute überhaupt?

Emil-Heinrich, auch genannt Harry, Pottgießer hetzt durch den düsteren, durch die Schreie der Jäger unruhigen Wald, gefolgt von den dunklen Schatten der unbekannten Jäger, in der Hoffnung, ihnen zu entkommen. Das einzige Licht, welches ihn, zwischen den Ästen durchschimmernd, durch die Dunkelheit führt, ist das schwache weiße Licht des Mondes, welches die schwarze Decke durchbricht.

Sind sie noch hinter mir her? Wo soll ich jetzt nur hin? Ich muss überleben, damit sie es nicht in die Finger bekommen! Ah, ein Fluss scheint in der Nähe zu sein, ich kann das Plätschern schon hören!

Ein lauter Schuss. Eine plötzliche Stille. Und ein dumpfer Schmerz, den Emil verspürt. Ihm wird schnell schwarz vor den Augen und viel zu kalt für diese eigentlich angenehme Sommernacht ...

 

Im Jahre 2015

... Emil öffnet die Augen und stutzt. Was ist passiert? Vor ihm erstreckt sich eine scheinbar unendlich lange, asphaltierte Straße. Die Sonne scheint auf ihn nieder, er spürt jedoch nichts. Er steht auf und dreht sich um.

Ein monstergleiches Ungetüm, welches doppelt so groß ist wie er und noch viel länger, kommt auf ihn zu ... Es glänzt silbrig in der Sonne, seine Augen schimmern gefährlich orange, fixieren ihn und es knurrt ihn bedrohlich an. Seine vier Beine sehen aus wie ... Räder?!

Ehe Emil sich weiter darüber wundern kann, galoppiert es durch ihn hindurch. Emil stockt der Atem: Es ist durch mich hindurch galoppiert! Wie kann das sein?! Und as war das? Es sah aus wie eine Kutsche für den Adel, nur ohne Pferde, die die Kutsche ziehen. Aber wie kann es sich dann von alleine bewegen?!

Er hält sich verwirrt und überfordert mit der Situation seine Hände an den Kopf. Erst jetzt fängt er an, sein Umfeld richtig zu realisieren. Er steht auf einer Straße, obwohl er noch vor wenigen Minuten durch den Wald gelaufen ist. Wo Bäume stehen müssten, sind in den Himmel ragende Gebäude mit sehr vielen Fenstern. Und wo ist die Berne? Emil ist immer noch verwirrt. Und als er seine Hände von seinem Kopf nimmt, hält er schockiert inne.

„Ich kann durch meine Hände hindurch sehen!“, ruft er entsetzt aus.

 

Kapitel 6: Nikki

Nele Wächter

 

Nikki sitzt in ihrer liebsten Aladinhose und mit einem süß riechenden Tee in ihrem Lieblingskorbstuhl am Küchentisch. Sie guckt nachdenklich in der Gegend herum. Es ist 9 Uhr an einem Sonntag. Lukas ist noch immer nicht da und so langsam macht Nikki sich Sorgen. Das geht jetzt schon seit längerer Zeit so. Von ein paar kleinen Jobs mal abgesehen macht Lukas nichts anderes als zu feiern, zu trinken und zu schlafen. Früher war er wenigstens zum Frühstück wieder da und Lukas und Nikki haben Sonntagmorgens immer gemütlich und ausgiebig gefrühstückt. Dies war früher immer das Highlight der Woche für Nikki. Besonders das Rumalbern und Quatschen fehlt ihr sehr und das macht sie traurig. Seitdem Lukas das Abi hat, ist alles anders. Nikki sitzt jetzt Sonntagmorgens allein am Frühstückstisch. Sie kann einfach nicht verstehen, dass Lukas diese unbeschreiblich schöne Zeit nicht fehlt. Für sie ist es unbegreiflich, warum Lukas nichts aus seinem Leben macht. Er hat doch so viele Möglichkeiten. Er könnte zum Beispiel ein FSJ machen oder sich einen richtigen Job suchen, wenn er schon nicht anfangen will zu studieren. Wenn er so weitermacht, wird er noch den Bach runtergehen, ohne es zu merken. Er kann sein Leben doch nicht einfach so ... Nikki versteht das einfach nicht und ist verzweifelt. Sie weiß einfach nicht, wie sie ihm helfen kann. Dabei bedeutet er ihr doch so viel! Mittlerweile mag sie ihn sogar ein bisschen mehr als nur als besten Freund. Auch wenn sie sich das noch nicht wirklich eingestehen kann. Na ja, egal, sie kann sich sowieso nicht vorstellen, dass Lukas genauso für sie empfindet. Das wäre doch absurd, wenn man bedenkt, wie gut er aussieht und wie viele Mädchen ihm hinterher schauen. Aber seine blonden Haare, die im Sonnenlicht bronzefarben schimmern, und seine blauen Augen, die grau gesprenkelt sind, sind einfach sooo anziehend und wunderschön. Ach Mist! Diesen Gedanken verwirft sie wieder ganz schnell. Es wäre falsch, denn sie will ja nicht ihren besten Kumpel verlieren! Bei zu vielen Freundinnen hat sie schon mitbekommen, wie wunderbare Freundschaften zerbrochen sind, nur, weil sie sich ineinander verliebt haben. Sie muss sich einfach ablenken. Aber womit? Früher wäre sie mit Lukas spazieren gegangen oder sie hätte ihre Eltern in Spanien angerufen. Doch alleine spazieren gehen macht nicht so viel Spaß und ihre Eltern würden sofort merken, dass nicht alles in Ordnung ist. Erst recht, wo sie doch gerade erst bei ihnen in Spanien war. Und dann müsste sie alles erzählen. Auch wenn das ihre Eltern überhaupt nichts angeht. Was nun? Soll sie zu ihrer besten Freundin Eda fahren und mit ihr über das Problem sprechen? Aber Eda hat wahrscheinlich sowieso keine Zeit, beschäftigt wie sie immer ist.

Vielleicht sollte sie einfach ein bisschen lesen. Doch welches Buch? In dem Buch, was sie zur Zeit liest, kommt auch ein Lukas vor und das hilft ihr erst recht nicht, um sich abzulenken. Mist! Mist! Mist! Am besten fängt sie schon mal an, für ihre nächste Prüfung an der Uni zu lernen. Diesen Sommer hat sie begonnen, in der Nachbarstadt Essen auf Lehramt zu studieren. Kurze Zeit hatte sie auch überlegt, deswegen nach Essen zu ziehen. Doch dann würde sie Lukas noch seltener sehen.

In diesem Moment kommt Lukas herein. Seine Haare sind total zerstrubbelt und er scheint müde und erschöpft zu sein. Na ja, kein Wunder, wenn man erst morgens um 9:30 Uhr Zuhause ist. Er schaut erwartungsvoll in die Kaffeekanne, doch durch die vielen Gedanken ist Nikki noch gar nicht dazu gekommen, Kaffee zu kochen. Das holt sie jetzt nach.