(Text und Fotos von Birte Müller) 

 

Die 94-jährige Betty Bausch-Polak hat als niederländische Jüdin den Holocaust überlebt. Am Freitag erzählte sie ihre beeindruckende und berührende Geschichte der Kriegsjahre Schülern der UNESCO-Schule. Freitag, fünfte Stunde. Nur noch 90 Minuten, dann sind endlich Ferien. Gut gelaunt und in Privatgespräche vertieft strömen die 15- bis 18-Jährigen in die Stadthalle. Doch dann betritt Betty Bausch-Polak die Bühne. "Ich freue mich immer, vor Jugendlichen aufzutreten. Jugendliche können noch ihre Meinung ändern und die Welt noch eine bessere Welt machen." Es ist mucksmäuschenstill im Saal.

Die 94-jährige Bausch-Polak erzählt aus ihrem ereignisreichen Leben

 

Hitler kam an die Macht, als Betty Bausch-Polak 14 Jahre alt war - also fast genauso alt, wie ihr Publikum an der UNESCO-Schule. Sie musste miterleben, wie die Niederlande durch Hitlers Deutschland besetzt wurde. 1941, wenige Tage, bevor sie ihr Abschlusszeugnis bekommen sollte, wurde sie plötzlich der Schule verwiesen. Der Schulleiter hatte versucht, Betty Bausch-Polak zu schützen und ignorierte die ersten zwei Briefe. Doch er war nicht erfolgreich. Er tat aber viel mehr, denn er bot Betty Bausch-Polak seine Hilfe an. Dies war ein Tag, an dem sich vieles in ihrem Leben änderte: Sie ließ ihr bekanntes Leben hinter sich und lebte von nun an im Untergrund. Mehrfach wechselten sie und ihr Ehemann die Identitäten, ließen sich Papiere fälschen, um zu überleben. Ihre Geschwister und ihre Eltern wurden in verschiedenen KZs gefangen gehalten, ihre Eltern starben im KZ. Ihre Schwester Lies Auerbach-Polak überlebte das KZ Bergen-Belsen. Mit ihr zusammen schrieb sie gemeinsam, viele Jahre nach Kriegsende, das Buch "Bewegtes Schreiben." Hieraus lasen fünf Schülerinnen und Schüler Passagen vor. Betty Bausch-Polak ist der Einladung von Frau Tanja Junkers und Frau Beate Beck gefolgt, die den Besuch vorbereitet hatten. Ihre Schüler waren von der Begegnung tief beeindruckt. Sie beschrieben den Vortrag als "bewegend, beeindruckend, bewusstwerden-lassend und intensiv". Das Besondere an Betty Bausch-Polaks Erzählung war die Lebhaftigkeit, die Direktheit. "Ich habe 100 Mal die Unterschrift der falschen Identität geübt. Ich bin in der Zeit eine richtig gute Schauspielerin geworden." Es fehlt die Distanz, die sonst zwischen den Kriegsschrecknissen und den Nachfolgegenerationen unüberbrückbar ist. Die Situationen, die sie beschrieb, waren so nachvollziehbar, dass ihre Geschichte viel näher an die Zuhörer herankam, als jedes Buch, jeder Film es jemals kann. "Wer überlebt, der muss das Leben umarmen." "Man darf nicht ein ganzes Volk, einen ganzen Glauben hassen.", so Bausch-Polak. Genau das hatte sich Schulleiter Jürgen Rasfeld erhofft, nannte er die Veranstaltung doch ein "Plädoyer gegen das Vergessen, gegen die Verdrängung."

 

 

 

Die UNESCO-Lehrerinnen Beate Beck (links) und Tanja Junkers (rechts) mit der 94-jährigen Zeitzeugin Betty Bausch-Polak